Inflation: Wo stehen wir gerade?

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Sowohl in Europa als auch in Nordamerika wurde im ersten Quartal 2022 viel über die Inflation geredet. Die Europäische Zentralbank (EZB) hat bisher trotz allgegenwärtiger Kritik an ihrer Politik der niedrigen Zinsen festgehalten. Bei einer Inflation im Euroraum von bis zu 5,8 % werden die Rufe nach einer sofortigen Zinserhöhung durch die EZB jedoch immer lauter. Angesichts der raschen Inflationsentwicklung im Jahr 2022 hat die EZB die Inflationsprognosen für die nächsten drei Jahre erhöht. Gleichzeitig senkte sie die Wachstumsprognosen aufgrund des Kriegs zwischen der Ukraine und Russland auf 3,7 %.

Die Inflation in der EU wird im Jahr 2022 voraussichtlich knapp über 5 % liegen
Die Inflation in der EU wird im Jahr 2022 voraussichtlich knapp über 5 % liegen

Steigende Energiekosten verstärken die Inflation

Der Anstieg der Inflation wird vor allem durch die sprunghafte Zunahme der Energiekosten angeheizt. Bereits Ende 2021 stiegen die Energiekosten in Europa unter anderem aufgrund des kalten Winters in einigen Ländern und einer dementsprechend höheren Nachfrage rapide an. Und die Preise legten dann aus vielfältigen Gründen sogar noch weiter zu: aufgrund des begrenzten Erdgasangebots, der Klimaschutzbemühungen, der Erdbeben in den Niederlanden und der Befürchtung, dass Russland seine Energieexporte in die Europäische Union reduzieren könnte.

Seitdem hat sich wenig geändert, und Europa verfügt kaum über Instrumente, mit denen es die steigenden Energiekosten bekämpfen könnte. Zu Beginn des Jahres 2022 war in der EU eine jährliche Energie-Inflationsrate von 27 % zu verzeichnen, aber mit dem Problem war sie nicht allein. In den USA war beispielsweise ein ähnlicher Trend bei der Energie-Inflation zu beobachten: Sie ging zwar im März und April 2020 noch auf fast -19 % zurück, stieg aber im November 2021 auf über 33 %.

Die EU, in der die Energiepreise um 27 % gestiegen sind, ist in hohem Maße vom russischen Erdgas abhängig
Die EU, in der die Energiepreise um 27 % gestiegen sind, ist in hohem Maße vom russischen Erdgas abhängig

Löhne

Wenn die Löhne steigen und die Menschen mehr Geld ausgeben, nimmt die Inflation tendenziell zu. Lohnsteigerungen entstanden vor allem durch Erhöhungen des Mindestlohns, die besonders in Osteuropa hoch ausfielen: um 19,5 % in Ungarn, um 13,7 % in Litauen, um 12 % in Estland und um 10,9 % in Rumänien. So überrascht es nicht, dass Litauen und Estland die beiden ersten Plätze unter den EU-Ländern mit dem höchsten Anstieg der jährlichen Inflation im Jahr 2022 einnehmen.

Auswirkungen des Kriegs zwischen der Ukraine und Russland auf die Inflation

Europa befindet sich angesichts des Krieges zwischen der Ukraine und Russland in einer schwierigen Situation. In der EU stammen 46 % der Importe von festen fossilen Brennstoffen (wie Kohle) und 41 % der Erdgasimporte aus Russland. So sieht sich Europa jetzt in der wenig beneidenswerten Lage, konkurrierende Interessen ausbalancieren zu müssen: Bekämpfen der steigenden Inflation auf der einen Seite und Verhängen von Sanktionen gegen Russland auf der anderen Seite. Einerseits ist Europa von Russland abhängig, wenn es darum geht, die Energiekosten für die Verbraucher niedrig zu halten, andererseits haben die EU und die europäischen Bürger eine entschiedene Haltung gegenüber der russischen Offensive in der Ukraine eingenommen. Europa hat Schwierigkeiten, von der russischen Energieversorgung wegzukommen, und muss das potenzielle Risiko eines Versorgungsengpasses (und der damit verbundenen unvermeidlichen Inflation) in Kauf nehmen, der durch einen Exportstopp von Erdgas und festen fossilen Brennstoffen durch Russland entstehen würde.

Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine führt zu weltweiten Versorgungsengpässen und schürt die Inflation
Der Krieg zwischen Russland und der Ukraine führt zu weltweiten Versorgungsengpässen und schürt die Inflation

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Krieges zwischen Russland und der Ukraine gehen weit über den Energiesektor hinaus und wirken sich auch negativ auf die Inflation in anderen europäischen Wirtschaftsbereichen aus. Insgesamt hat der Krieg die Inflationsentwicklung angeheizt, das Angebot verknappt und die Preise sowohl für Produzenten als auch für Verbraucher in die Höhe getrieben.

Russland und die Ukraine spielen als Lieferanten von Energie, Metallen und landwirtschaftlichen Erzeugnissen für Europa eine große Rolle. Die Ukraine ist der zweitgrößte Getreidelieferant, auf den rund 14 % aller Getreideeinfuhren der EU entfallen. Ohne das übliche Exportvolumen aus diesen Ländern müssen Europa und andere Länder der Welt sich anderweitig mit diesen Gütern versorgen, was die Preise in die Höhe treibt.

Neben dem Produktionsrückgang in Russland und der Ukraine hat der Krieg zwischen diesen beiden Ländern die weltweite Versorgungslogistik zusätzlich belastet, da Schiffe und Flugzeuge die russischen Häfen bzw. den russischen Luftraum nicht nutzen können. Diese logistischen Herausforderungen erschweren die Transportrouten, denn die Sperrung von Millionen von Kilometern im Luftraum führen zu Verspätungen und steigenden Frachtpreisen.

In Russland haben die europäischen und amerikanischen Sanktionen die russische Wirtschaft und den Rubel auf Talfahrt geschickt, Angebotsengpässe ausgelöst und den Weg für eine schnell einsetzende Inflation geebnet. Anfang März ergab eine Umfrage der russischen Zentralbank, dass das russische BIP um etwa 8 % zurückgeht und die Inflationsprognosen bei etwa 20 % liegen.

Inflation in anderen Teilen der Welt

Venezuela hat einen jahrelangen Kampf gegen die Hyperinflation geführt und konnte sich im Februar mit 2,9 % über die niedrigste monatliche Inflation seit acht Jahren freuen. Damit scheint Venezuela eine der längsten Hyperinflationsperioden in der Geschichte hinter sich gelassen zu haben, wobei die meisten Transaktionen in US-Dollar abgewickelt werden.

Apropos USA: Die größte Volkswirtschaft der Welt kämpft mit eigenen Inflationsproblemen, denn sie verzeichnet einen jährlichen Anstieg von 7,9 %. Das Nachfrageniveau in den USA ist nach wie vor hoch, doch das Angebot bleibt hinter diesem Nachfragevolumen zurück, da es weiterhin Probleme bei den globalen Lieferketten gibt.

Nur wenige Länder scheinen gegen die aktuelle Inflationswelle immun zu sein. Von den Volkswirtschaften, die laut Internationalem Währungsfonds zu den entwickelten Industrienationen zählen, haben 15 von 34 Ländern mit einer 12-Monats-Inflationsrate von über 5 % zu kämpfen. Bei den Schwellen- und Entwicklungsländern ist der Anteil der Länder mit hoher Inflation sogar noch größer: 78 von 109 Ländern meldeten eine Inflation von über 5 %.

Was bringt die Zukunft?

Die Zukunft ist nach wie vor ungewiss, aber der Konsens scheint zu sein, dass die Inflation in den nächsten Jahren allmählich zurückgehen wird, da sich die Lieferketten stabilisieren werden. Die Europäische Kommission erwartet den Höhepunkt der Inflation später in diesem Jahr, auch wenn sich der Krieg in der Ukraine noch auf die langfristigen Inflationsprognosen und -ergebnisse auswirken kann. In jedem Fall müssen Europa und der Großteil der restlichen Welt mit einer schmerzhaften Inflationsentwicklung zurechtkommen, deren weiterer Verlauf völlig unklar ist.

EZB-Chefin Christine Lagarde rückte inzwischen von der Absicht der EZB, Zinserhöhungen im Jahr 2022 vermeiden zu wollen, ab und erklärte, die Zentralbank bereite sich auf eine Zinserhöhung im Laufe dieses Jahres vor. Der Russland-Ukraine-Krieg und die drohende Stagflation (langsames oder gar kein Wirtschaftswachstum in Verbindung mit hoher Inflation) veranlasst die EZB also dazu, zurückzurudern, was allerdings zu weiterer Unsicherheit führt und die EZB zwingt, eine defensivere Geldpolitik in Betracht zu ziehen.