Rückgang der Fintech-Investitionen und ein Blick auf die weitere Entwicklung

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Die Euphorie im Hinblick auf Fintech lässt derzeit deutlich nach, und viele Verbraucher bekommen die Auswirkungen zu spüren. Nach einem ganzen Jahrzehnt mit einem schier unglaublichen Wachstum verläuft nun die Entwicklung der Fintech-Branche in eher ruhigeren Bahnen. Auch wenn Fintech-Unternehmen nicht die einzigen sind, die einen Rückgang der Investitionen und des Wachstums verzeichnen, scheinen sie jedoch größeren Problemen gegenüberzustehen als andere Branchen. Was passiert also gerade in der Fintech-Welt, und gibt es Licht am Ende des Tunnels?

Turbulente Zeiten liegen vor Fintech-Unternehmen wie Neobanken.
Turbulente Zeiten liegen vor Fintech-Unternehmen wie Neobanken.

Weniger Investitionen im Fintech-Bereich

Die Investitionen im Fintech-Bereich waren 2022 mit mehr als 30 Milliarden Dollar, die bis Mitte Juli in 983 Unternehmen investiert wurden, immer noch überaus beachtlich. Und dennoch ist diese Zahl weit entfernt von den 121,6 Milliarden Dollar, die im Jahr 2021 in Fintech-Unternehmen geflossen sind. Bei den Investoren scheint eine klare Bevorzugung von Fintech-Unternehmen gegenüber anderen Branchen vorzuherrschen. Auch wenn in der Fintech-Branche (und allgemein bei Risikokapitalinvestitionen) ganz sicher ein Rückgang zu verzeichnen ist, sieht die langfristige Zukunft doch positiv aus – wobei sich die Frage stellt, ob und in welche Richtung sich Fintechs weiterentwickeln.

Ein Blick auf die Neobanken

In den letzten fünf Jahren haben Neobanken den herkömmlichen Banken den Kampf angesagt. Für die Verbraucher bestand so auf einmal die Möglichkeit, ihre Bankgeschäfte vollständig online tätigen zu können. Seit ihrem ersten Auftreten im Jahr 2016 sind Neobanken exponentiell gewachsen, und es wird prognostiziert, dass sie bis 2030 jährlich um mehr als 50 % expandieren werden.

Trotz der überaus erfolgreichen Entwicklung der Neobanken ist ihr Versuch, herkömmliche Banken abzulösen, bei Weitem noch nicht vorbei. Für die meisten Neobanken, die neu auf dem Markt sind, ist es zunächst schwierig, Gewinne zu erwirtschaften. Das Bestreben, möglichst viele neue Kunden zu gewinnen, hat seinen Preis, und obwohl dies im Hinblick auf das Thema Geldbeschaffung wichtig ist, ist es auf lange Sicht kein nachhaltiges Modell. Wenn Verbraucher heutzutage investieren, überlegen sie es sich sicher gut, ob sie Geld in digitale Banken pumpen, deren Gewinne (wenn überhaupt) wenig zu wünschen übrig lassen.

Werden Neobanken also eine Zukunft haben? Das ist sehr wahrscheinlich, aber möglicherweise werden sie ihre Challenges bis auf Weiteres fortsetzen müssen. Selbst Forbes ist sich im Hinblick auf die Zukunft von Neobanken scheinbar noch unschlüssig. Das Magazin veröffentlichte innerhalb von nur sechs Wochen zwei Artikel mit den Überschriften „The End of the Neobank Era?“ und „Neobanking is Here to Stay“.

JPMorgan setzt seine Investitionen im Bereich Zahlungsabwicklung fort

Am 12. September 2022 kündigte JPMorgan seine Übernahme von Renovite Technologies, einem in Kalifornien ansässigen Zahlungsabwicklungsunternehmen, an. Diese Übernahme ist ein weiterer Vorstoß der Großbank in die Fintech-Branche. JPMorgan ist schon seit Langem eine der führenden Institutionen im Bereich Finanzdienstleistungen und Investmentbanking und investiert aggressiv in den Aufbau seines eigenen Zahlungsabwicklungssystems, JP Morgan Payments. Der Ausbau von Zahlungsmöglichkeiten scheint für den Fintech-Sektor ein Hoffnungsschimmer in dem derzeitigen Geschäftsrückgang zu sein, und obwohl dies kein glamouröses Geschäftsfeld ist, ist es wahrscheinlich eine der sinnvollsten Investitionen in einem eher instabilen Umfeld.

Rückgang bei Kryptowährungen hält an

Im Vorjahr gab es einen regelrechten Kryptowährungs-Boom; in diesem Jahr sieht es jedoch ganz anders aus. In gerade einmal 30 Tagen verschwanden im Kryptowährungsmarkt über 100 Milliarden Dollar, da fast jede Digitalwährung schwere Schläge einstecken musste. Bislang haben Bitcoin und Ethereum in diesem Jahr etwa 55 % ihres Wertes verloren, kleinere Kryptowährungen wie Cardano und Solana verloren 64 % bzw. 78 % ihres Wertes.

Kryptowährungen verzeichnen Kursverluste von mehr als 2 Billionen Dollar im Jahr 2022.
Kryptowährungen verzeichnen Kursverluste von mehr als 2 Billionen Dollar im Jahr 2022.

Digitalwährungen haben mehr als 2 Billionen Dollar verloren – was auch als Kryptowinter bezeichnet wird –, nachdem Ende 2021 Rekordzahlen erreicht wurden. Investoren befürchten jedoch, dass dieser Bärenmarkt aufgrund schwieriger wirtschaftlicher Faktoren wie der hohen Inflation, der Marktvolatilität und der Möglichkeit, dass die Zentralbanken ihre eigenen Digitalwährungen ausgeben wollen, anders verlaufen könnte.

Lagarde hält Kryptowährungen für wertlos, die EZB treibt den Digital-Euro voran

Die Position der Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), Christine Lagarde, ist eindeutig: Finger weg von Kryptowährungen. So gab Lagarde an, dass Kryptowährungen „…nichts wert sind … sie basieren auf nichts.“ Stattdessen verwies sie auf den Wert des Digital-Euro, der als Ergänzung zum Papiergeld dienen würde.

Weiterhin teilte Christine Lagarde mit, dass „private Anbieter die Rolle des Zentralbankgeldes nicht wirklich replizieren könnten“ und warnte vor der Gefahr, dass große Unternehmen ihre Macht missbrauchen und sie dazu nutzen könnten, die Kontrolle über die europäischen Zahlungsmärkte auszuüben.

Die EZB prüft weiterhin die Möglichkeiten für die Schaffung des Digital-Euros.
Die EZB prüft weiterhin die Möglichkeiten für die Schaffung des Digital-Euros.

Derzeit setzt die EZB die Untersuchungsphase zum Digital-Euro fort, wobei diese bis zum Herbst 2023 andauern soll.

Stellenabbau in Fintech-Unternehmen

Der Boom bei der Einstellung neuer Mitarbeiter in Fintech-Unternehmen dürfte vorbei sein. Unternehmen, die noch vor wenigen Monaten alles dafür gaben, neue Mitarbeiter zu finden und viel Geld zahlten, bauen nun eher Personal ab.

Kryptounternehmen wie Blockchain.com, BlockFi, Coinbase, Crypto.com, Gemini, OpenSea und andere haben Mitarbeiter entlassen, um weiter wirtschaftlich zu bleiben. Die Krypto-Krise sorgte auch in anderen Unternehmen der Finanztech-Branche für Wellen. So entließ das Finanzdienstleistungsunternehmen Robinhood im August 23 % seiner Mitarbeiter.

Klarna setzt die Dominanz von BNPL fort

Trotz der etwas holbrigen Entwicklung ist der Zahlungsdienstleister Klarna immer noch der führende „Buy now, pay later (BNPL)“-Anbieter. Nach Massenentlassungen im Mai und einem massiven Rückgang seiner Bewertung hält Klarna immer noch einen Anteil von 70 % des europäischen Marktes und liegt damit deutlich vor der Nummer 2 unter den BNPL-Anbietern, Clearpay (auch unter dem Namen Afterpay bekannt).

Klarna ist nach wie vor nicht profitabel, aber weiterhin branchenführend.
Klarna ist nach wie vor nicht profitabel, aber weiterhin branchenführend.

Dennoch sollte sich Klarna nicht auf dieser Position ausruhen. Die Vorsteuerverluste des in Schweden ansässigen Unternehmens beliefen sich im ersten Halbjahr 2022 auf insgesamt 6,2 Milliarden Kronen (rund 581 Millionen Euro), was einem Anstieg von fast 30 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum entspricht.

Glücklicherweise sind die Verluste und die schlechtere Bewertung nur ein Teil des Gesamtbildes für Klarna. Das Unternehmen erwirtschaftete einen Umsatz von nahezu 1 Milliarde Euro, was einer jährlichen Steigerung von 24 % entspricht. Mit Blick auf die künftige Entwicklung bleibt es spannend, ob Klarna seine Betriebskosten im Zaum halten und die hohen Verluste ausgleichen kann.