Was ist eine Rezession?

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In der ersten Jahreshälfte 2022 bestimmte die Angst vor einer Rezession die Schlagzeilen in Europa und im Rest der Welt. Die Zukunft lässt sich nicht vorhersagen, aber viele Wirtschaftswissenschaftler gehen davon aus, dass eine Rezession in Europa bevorsteht. Der Begriff der Rezession wird oft unbedacht in den Mund genommen, ohne dass wir uns darüber im Klaren ist, was er genau bedeutet und welche Auswirkungen eine Rezession hat. Deshalb möchten wir in diesem Artikel definieren, was eine Rezession ist, uns bedeutsame Beispiele für Rezessionen in der Geschichte ansehen und ein Szenario betrachten, mit dem wir in unmittelbarer Zukunft konfrontiert werden könnten.

Von einer Rezession spricht man in der Regel bei zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit einem rückläufigen BIP.
Von einer Rezession spricht man in der Regel bei zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit einem rückläufigen BIP.

Definition von Rezession

Im Allgemeinen wird mit dem Begriff „Rezession“ ein längerer Zeitraum beschrieben, in dem die Wirtschaftsaktivitäten deutlich zurückgehen. Auch wenn keine Einigkeit über die genaue Definition einer Rezession herrscht, wird meist die folgende verwendet: zwei aufeinanderfolgende Quartale mit einem negativen Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) (d. h. es ist niedriger als im Vorquartal). Zur Erinnerung: Das BIP ist der Gesamtwert aller Waren und Dienstleistungen eines Landes.

Das BIP Estlands betrug im ersten Quartal des Jahres beispielsweise 8,2 Milliarden Euro. Im zweiten Quartal fiel es dann auf 8,05 Milliarden Euro, gefolgt von einem weiteren Rückgang im dritten Quartal auf 7,9 Milliarden Euro. Da das BIP also in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen zurückging, würden wir hier von einer Rezession sprechen.

Was sind die Ursachen einer Rezession?

Rezessionen sind nichts Ungewöhnliches und treten in der Regel alle paar Jahre auf. Manchmal kann eine Rezession nur ein oder zwei Jahre nach einer anderen Rezession folgen, ohne dass dies bemerkt wird. In anderen Fällen wiederum kann eine Volkswirtschaft vielleicht 10 oder mehr Jahre lang Wachstum ohne Rezession erleben. Normalerweise treten Rezessionen alle 3 bis 5 Jahre auf.

Durch die Corona-Lockdowns mussten viele Unternehmen schließen, was einer der Gründe für die Rezession im Jahr 2020 war.
Durch die Corona-Lockdowns mussten viele Unternehmen schließen, was einer der Gründe für die Rezession im Jahr 2020 war.

Es gibt nicht den einen Grund für Rezessionen. Rezessionen können viele Gründe haben, wie allgemeine wirtschaftliche Herausforderungen, Inflation, Deflation und Arbeitslosigkeit. Wenn die Menschen kein Geld ausgeben, kann eine Wirtschaft nicht wachsen, was zur Rezession führt. Wenn die Preise zu schnell steigen, geben die Menschen kein Geld aus, was zur Rezession führt. Wenn die Arbeitslosenquote hoch ist, verdienen die Menschen kein Geld und können nichts ausgeben. All diese Gründe führen also zu geringeren Konsumausgaben und einem langsameren (oder negativen) Wirtschaftswachstum und z. B. auch zu einer Rezession.

Weltweite Rezessionen der letzten 100 Jahre

Sehen wir uns einige Beispiele für bedeutende Rezessionen der letzten 100 Jahre und ihre Ursachen an.

2020: Rezession durch die Corona-Pandemie

Die Rezession durch die Corona-Pandemie im Jahr 2020 betraf alle entwickelten Volkswirtschaften weltweit. Zunächst stürzte der Aktienmarkt ab, da die Angst vor der unbekannten Krankheit die Anleger in die Flucht schlug. Durch staatlich verhängte Lockdowns mussten viele Unternehmen ihren Betrieb einstellen und Mitarbeiter zu Hause bleiben. Die Unternehmen, in denen der Betrieb weiterlief, mussten oft ihre Produktion reduzieren und Mitarbeiter entlassen, wodurch Millionen von Menschen arbeitslos wurden. In der ersten Zeit der Pandemie brachen sowohl Angebot als auch Nachfrage ein, was rasch zu einer weltweiten Rezession führte.

2007–2009: Globale Finanzkrise

Im Vorlauf zur globalen Finanzkrise vergaben große Finanzinstitute viele risikoreiche Kredite und bündelten diese „faulen“ Kredite (auch als Subprime-Kredite bezeichnet) zu Wertpapieren, die sie an Investoren verkauften. In dieser Zeit befand sich der Aktienmarkt im Höhenflug, der Immobilienmarkt lief heiß wie und eh und es waren allgemein richtig gute Zeiten.

Leider war die Party zu Ende, als die Zinssätze stiegen und die Kreditnehmer nicht mehr zahlen konnten, wodurch der Immobilienmarkt in den freien Fall geriet und der Wert aller durch Hypotheken abgesicherten Wertpapiere und so genannter Collateralized Debt Obligations zunichte gemacht wurde. Was folgte, war der Zusammenbruch des Aktienmarktes und des globalen Bankensystems sowie eine 19 Monate andauernde Rezession, die viele der hoch entwickelten Länder der Welt erschütterte.

1929–1939: Weltwirtschaftskrise

Keine Aufzählung von Rezessionen wäre vollständig ohne die Erwähnung der Weltwirtschaftskrise. In den 1920er Jahren – umgangssprachlich auch als die Goldenen Zwanziger bezeichnet – investierten Millionen von Menschen kopflos in den Aktienmarkt und übernahmen sich dabei nicht nur, sondern trieben den Markt auch immer weiter in die Höhe. Sie nahmen Hypotheken auf ihre Häuser auf, gingen an ihre Ersparnisse und verkauften andere Vermögenswerte, nur um noch mehr in Aktien zu investieren. Nach einem Höhenflug kommt bekanntlich oft der Absturz: Im Oktober 1929 betrug der Börsenverlust an nur einem Tag 14 Milliarden US-Dollar. Millionen von Menschen konnten jetzt ihre Kredite nicht mehr bezahlen und mussten Insolvenz anmelden. Banken brachen zusammen, der Welthandel verlangsamte sich, und ganze Heerscharen von Menschen wurden arbeitslos.

Wie könnte eine bevorstehende Rezession aussehen?

Einige Rezessionen, wie die Weltwirtschaftskrise, führen zu einem erheblichen und dauerhaften wirtschaftlichen Rückgang. Andere Rezessionen können milder ausfallen (wie das Platzen der Dotcom-Blase und die anschließende Rezession in den Jahren 2000–2001) oder nur wenige Monate dauern (wie die Rezession durch die Corona-Pandemie). Wirtschaftswissenschaftler und Banken – darunter die Bank of England, die Bank of America und J.P. Morgan – weisen bereits auf ein erhöhtes Risiko für eine Rezession hin, die Europa, die USA und andere Länder rund um den Globus betreffen könnte.

Um die Inflation zu bekämpfen, erhöht die EZB die Zinssätze, wodurch sich das Wachstum verlangsamt.
Um die Inflation zu bekämpfen, erhöht die EZB die Zinssätze, wodurch sich das Wachstum verlangsamt.

Angesichts einer Inflation, die sich weiter auf Allzeithochs bewegt, und eines volatilen Aktienmarktes weiß niemand, was die Zukunft bringt. Die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank und andere Zentralbanken erhöhen die Zinssätze, um diese Inflation zu bekämpfen – eine Maßnahme, die darauf abzielt, das Wirtschaftswachstum zu verlangsamen. Bei dem raschen Zinsanstieg und der ungewissen Zukunft des Aktienmarktes käme eine bevorstehende Rezession für niemanden überraschend. Aber wie sähe eine Rezession heute aus?

Warum diese Rezession wahrscheinlich nicht so schwerwiegend wäre wie bisherige

Aus vielen Gründen wäre diese Rezession nicht so schwerwiegend wie andere, die die Welt bisher erlebt hat. Die Arbeitsmärkte in der EU und den USA sind umkämpft, die Arbeitslosenquoten niedrig, der Immobilienmarkt boomt und ist vielleicht etwas überbewertet, aber insgesamt stabil. Noch dazu haben die Europäer die Gelegenheit genutzt, sich während der Corona-Lockdowns beträchtliche Ersparnisse aufzubauen, sodass die europäische Wirtschaft über ein gutes Sicherheitsnetz verfügt.

Die größte Sorge von Europa, den USA und den meisten anderen großen Volkswirtschaften scheint die Inflation zu sein. Die Zentralbanken sind daher bestrebt, eine Hyperinflation zu vermeiden, aber das könnte auf Kosten eines wirtschaftlichen Abschwungs gehen, der uns in eine Rezession stürzen könnte. Wenn das passiert, könnte es eine Weile dauern, bis die Wirtschaft wieder floriert. Vergleichen wir jedoch die aktuelle Situation mit den schlimmsten Rezessionen der Geschichte, so gibt es kaum Anzeichen dafür, dass diese Rezession so extrem ausfallen würde wie die von 2020 und 2008.