Seit Jahren wird spekuliert, ob große Technologieunternehmen jemals Kryptowährungen annehmen werden. Die Idee der digitalen Assets gewinnt zwar an Popularität, steckt aber immer noch in den Kinderschuhen. Nun zeigt die jüngste Ankündigung von Facebook, dass die Mainstream-Tech-Welt endlich auf die Blockchain-Technologie aufmerksam wird.

Facebook Libra

Facebook’s Libra wird die erste Kryptowährung sein, die von einem großen Technologieunternehmen herausgegeben wird. Dabei stellt sich die Frage, wie der neue Coin funktionieren wird, welchen Nutzen er hat und ob er Verbesserungen gegenüber bereits existierenden Kryptowährungen wie Bitcoin hat. Doch egal was auch passiert, Facebook hat die Tech-Welt mit seiner Ankündigung ordentlich aufgemischt.

Die Funktionsweise

Libra wurde als Kryptowährung mit minimalen bis gar keinen Transaktionsgebühren angekündigt, die von Menschen auf der ganzen Welt genutzt werden kann. Eines der Hauptziele ist es, denjenigen, die kein Bankkonto haben, den Zugang zu mehr finanziellen Instrumenten und Ressourcen zu ermöglichen.

Die Basis von Libra ist die Libra Association, ein gemeinnütziger Zusammenschluss von 28 Unternehmen, die das Libra-Ökosystem kontrollieren werden. Da Libra auf einem öffentlichen Ledger arbeitet, können diese Unternehmen den Ledger kontrollieren und überwachen. Facebook selbst wird als eine dieser vertrauenswürdigen Institutionen agieren, zusammen mit anderen Finanz- und Technologieunternehmen wie Visa, Mastercard, PayPal, Uber und anderen.

Ein weiteres wichtiges Merkmal von Libra ist seine Preisstabilität. Die Kryptowährung soll durch reale Vermögenswerte wie Geldeinlagen und US-Staatsanleihen gesichert werden. Wenn jemand Libra mit Fiat-Währung kauft, wird diese Währung Teil der Libra-Reserve, die für risikoarme Anlagen verwendet wird. Nach Angaben des Unternehmens wird auf diese Weise die Preisstabilität gewährleistet. „Indem jede Münze mit einem Bündel stabiler und liquider Vermögenswerte (später beschrieben) und durch die Zusammenarbeit mit einer wettbewerbsfähigen Gruppe von Handelsplätzen und anderen Liquiditätsanbietern besichert wird, können die Nutzer sicher sein, dass jeder Libra-Coin jederzeit zum oder nahezu zum Wert der Reserve verkauft werden kann“, so Libra.

Die Idee ist es, eine digitale Währung zu schaffen, die preisstabil ist, aber auch geringe Transaktionsgebühren bietet. Aufgrund der bereits vorhandenen Infrastruktur wird Libra zudem direkt in WhatsApp und Facebook integriert, sodass es für die Nutzer einfach ist, Geld an die Familie zu senden oder bei Bedarf damit zu bezahlen. Dies geschieht über Calibra, eine Wallet-Anwendung, die für die Anbindung an das bereits bestehende Ökosystem von Facebook entwickelt wurde.

Als eine von Vermögenswerten gestützte Kryptowährung behauptet Libra, dass sie in der Lage sein wird, ihre Preisstabilität für ihre Nutzer zu gewährleisten. Das Unternehmen hofft, dass Libra auf diese Weise für die Nutzer attraktiv wird, da eine preisstabile Kryptowährung, die überall leicht verwendet werden kann, bequemer ist als Fiat-Währung.

Wird Libra Menschen ohne Bankverbindung helfen?

Eine der größten Behauptungen von Facebook lautet, dass Libra den 1,7 Milliarden Menschen auf der Welt helfen wird, die keine Bankverbindung haben. Einige trauen dieser Behauptung jedoch nicht.

Zunächst einmal ist der Kauf von Libra nicht für jeden möglich. Die Nutzung von Libra ist abhängig von der Nutzung von Facebook, Whatsapp oder der Libra-App. Daher benötigen die Benutzer ein Gerät (z. B. ein Smartphone oder einen Computer), das mit einem dieser Dienste interagieren kann. Außerdem muss Libra im Austausch gegen Fiat-Währung gekauft werden. Dadurch erhält das Facebook-Netzwerk nur noch mehr Nutzer, was dem Unternehmen noch mehr Kontrolle gibt, als es bereits jetzt schon hat.

Tatsächlich haben die Menschen in Entwicklungsländern bereits Zugang zu mobilen Finanzdienstleistungen. So nutzen Betroffene beispielsweise in Afrika und Indien bereits digitale Zahlungen mit M-Pesa. Über den M-Pesa-Service können Benutzer mit wenigen Klicks Geld über ihr mobiles Gerät senden und empfangen, ohne ein Bankkonto zu benötigen. Wenn Menschen ohne Bankkonto auf der ganzen Welt Wege finden, echtes Geld senden und empfangen zu können, warum sollten sie dann Libra dafür brauchen?

In diesem Sinne sehen Kritiker in Libra nichts anderes als eine bequeme Art, Zahlungen zu tätigen. Libra bietet angesichts der bereits bestehenden digitalen Zahlungssysteme keinen zusätzlichen Nutzen, außer mehr Bequemlichkeit und Benutzerfreundlichkeit für diejenigen, die bereit sind, in dieser Weise mit dem Facebook-Ökosystem zu interagieren. Manch einer geht sogar so weit zu sagen, dass Libra nicht einmal eine Kryptowährung sei, sondern eher mit zentralisierten digitalen Assets wie dem Venezolanischen Petro zu vergleichen ist.

Betrüger kommen auf den Plan

Kryptowährungen haben leider eine ganze Reihe von Menschen hervorgebracht, die ahnungslose Verbraucher ausnutzen. Leider ist das bei der Ankündigung von Libra nicht anders.

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Da die Verbraucher von der Aussicht auf eine neue Facebook-basierte Kryptowährung begeistert sind, sind sie bestrebt, ihr Geld und ihre Bitcoins gegen Libra einzutauschen. Allerdings ist Libra derzeit noch nicht verfügbar und wird voraussichtlich erst 2020 in Umlauf gebracht. Das hat die Leute jedoch nicht davon abgehalten, falsche Websites zu erstellen, die jene der originalen Kryptowährung nachahmen, um potenziellen Investoren und Nutzern das Geld aus der Tasche zu ziehen. Eine Seite wirbt sogar für „Zuckbucks„, eine gefälschte Kryptowährung, die nicht einmal existiert. Die Öffentlichkeit sollte sich darüber im Klaren sein, dass Kryptowährungsbetrug leicht möglich ist und, dass man ihm noch leichter zum Opfer fällt.

Abgesehen von den ganzen Betrügereien könnte Libra negative Auswirkungen auf das globale Bankensystem haben. Sogar Facebook-Mitbegründer Chris Hughes sieht die Kryptowährung als eine Möglichkeit für Facebook, seine Macht und seinen Einfluss auf den Finanzmärkten auszubauen. „Auch wenn der Coin nur mäßig erfolgreich wäre, würde mit Libra ein Großteil der Kontrolle der Geldpolitik von den Zentralbanken an private Unternehmen abgegeben werden. Wenn die globalen Regulierungsbehörden jetzt nicht handeln, könnte es sehr bald zu spät sein“, warnte Hughes.

Einige Mitarbeiter in der Regierung der Vereinigten Staaten befürchten ebenfalls, dass Facebook eine Menge Probleme mit der neuen Währung aufkommen lassen wird. Die Kongressabgeordnete der Vereinigten Staaten, Maxine Waters, möchte, dass Facebook zunächst innehält, damit dieses Projekt besser analysiert werden kann.

„Durch die Erschaffung einer eigenen Kryptowährung setzt Facebook seine ungehinderte Expansion fort und erweitert seine Reichweite in das Leben seiner Nutzer“, sagte Waters in einer Erklärung. „Angesichts der schwierigen Vergangenheit des Unternehmens bitte ich Facebook, einem Aussetzen der Entwicklung der Kryptowährung zuzustimmen, bis der Kongress und die Regulierungsbehörden die Möglichkeit haben, diese Fragen zu untersuchen und Maßnahmen zu ergreifen.“

Libra im Vergleich

Libra sieht anderen Kryptowährungen sehr ähnlich, ist aber größtenteils doch von einer etwas anderen Art.

Bitcoin

Der größte Unterschied zwischen Libra und vielen der größten Kryptowährungen der Welt, wie Bitcoin und Ether, liegt in ihrer zentralisierten Natur. Libra wird von 28 handverlesenen Unternehmen kontrolliert, was sie zu einem relativ zentralisierten digitalen Asset macht. Bitcoin und seine Wettbewerber werden hingegen wegen ihres dezentralen Charakters gelobt. Theoretisch hat die Libra Association die Befugnis, Zahlungen in ihrem Netzwerk zu blockieren oder einzuschränken, während dezentrale Kryptowährungen auf dem Prinzip basieren, dass keine Einheit groß genug ist, um das Netzwerk in irgendeiner Weise zu kontrollieren.

Libra sollte niemals mit Bitcoin verglichen werden, da es sich hierbei um zwei völlig verschiedene Paar Schuhe handelt. Dennoch betrachten viele Insider, wie Bitcoin-Ingenieur Jameson Lopp, Libra als einen Schritt in die richtige Richtung, um die Massen an den digitalen Zahlungsverkehr heranzuführen. Libra sollte nicht als Konkurrent zu offenen Blockchain-Projekten angesehen werden, sondern als Alternative.

Das ändert jedoch nichts daran, dass die gesamte Kryptowährungsbranche aufgrund der Ankündigung der Facebook Libra aufgerüttelt wurde. Nachdem Libra angekündigt wurde, stieg der Preis von Bitcoin in weniger als zwei Tagen um mehr als 40 %, was beweist, dass Hype manchmal besser ist als Fortschritt.

Fazit

Auf der einen Seite ist Libra eine weitere in einer langen Reihe von Kryptowährungen, die behaupten, Bankdienstleistungen für Bedürftige zu erbringen, ohne jeden substanziellen Beweis dafür, dass sie ihre Ziele erreichen wird. Auf der anderen Seite ist Libra ein neues digitales Asset, das von einem der weltweit größten Technologie-Giganten in Zusammenarbeit mit einigen der weltgrößten Finanz- und Technologieunternehmen betrieben wird. Diese Unterstützung birgt ein größeres Potenzial als alle ihre Vorgänger. Während Kryptowährungspuristen es als überhypte Ankündigung eines bereits riesigen Technologieunternehmens sehen, könnte sich Libra als Katalysator der globalen Kryptowährungsbewegung erweisen.